Station Nr. 06 Stadtpfarrkirche St. JosefEs verwundert kaum, dass die Ausstattung der Josefskirche im Herzen Weidens 14 Jahre in Anspruch nahm. Überwältigend ist die Fülle dessen, was vor knapp hundert Jahren geschaffen wurde. Auch der, der meint, seine Kirche wie seine Westentasche zu kennen, entdeckt immer wieder Neues an den Säulen, den Wänden und der Decke. Das Bildprogramm der Jugendstilausstattung spannt sich von der Verwurzelung des Glaubens in unserer Heimat (Bilder von Glaubensboten an den Wänden des Querhauses) zurück bis zu den ersten Erzählungen der Heiligen Schrift. Die ersten Seiten der Bibel enthalten verschiedene Schöpfungserzählungen. Der Gedanke, dass die Welt dem Menschen eigentlich als Garten anvertraut ist, wo es ihm gut gehen soll (Gemälde mit Adam und Eva im Paradiese rechts neben dem linken Seitenaltar), ja dass alles Leben Geschenk, Schöpfung Gottes ist (Adam wird durch den Atem Gottes belebt, Relief über dem Eingang vom Kirchenraum zur Sakramentskapelle, links neben dem linken Seitenaltar), ist dem "modernen" Menschen wenig bewusst. Vielleicht kann der Kirchenraum Gelegenheit bieten, über dieses Geschenk der Schöpfung nachzusinnen, und mehr zu verinnerlichen, dass mit diesem Geschenk Verantwortung verbunden ist: mit mir anvertrautem Gut so umzugehen, dass ich es auch wieder an die nachfolgende Generation weitergeben kann. Pflanzen und Tiere in der Josefskirche: Löwe, Hirsch und Palme Der damals in der Josefskirche verantwortliche Künstler Hofstötter kannte die altägyptische Kunst und natürlich viele Bibeldarstellungen. Aus beiden Quellen stammt ein ganzer Zoo von mehr oder weniger exotischen Tieren. Im vorderen Teil der Kirche sind besonders viele Tiere versammelt: Als Beispiel sei nur genannt das erste Gewölbefeld nach der Apsis: es beherbergt Wolf, Lamm, Löwe und Bär. Die Darstellungen beziehen sich auf den Frieden des Paradieses, den der Prophet Jesaja so beschrieb: "Dann wohnt der Wolf bei dem Lamme; Kalb, Löwe und Schaf weiden zusammen mit dem Bären". Wenn auch auf ganz andere Weise, als Wunschvorstellung ist das Miteinander aller Lebewesen auch heute bei uns aktuell. Im anschließenden Feld sind versammelt: Hirsch, Pelikan, Pfau und Phönix. Die Bibelszenen darstellenden Bilder, Reliefs und Plastiken im ganzen Kirchenraum geben viele Pflanzen und Tiere des vorderen Orients wieder. Besonders eindrucksvoll kommt zum Beispiel der Löwe aus der Simsongeschichte daher. Man kann ihn im rechten Seitenschiff mit dem Blick nach oben sehen, kurz bevor man unter die Empore tritt. Abgesehen von Tieren und Pflanzen als Symbole und Bildmotive haben Naturdarstellungen auf noch einem Weg stark in die Josefskirche Eingang gefunden: Der Jugendstil hatte eine Vorliebe für sie als Ornamente zur Betonung und Unterstreichung des mystischen und geheimnisvollen, prächtigen und würdevollen Charakters des Raumes. So finden sich in allen Ecken und Winkeln Phantasiepflanzen oder z.B. Fisch, Echse, Affe oder Hund, Tiere, die man hier gar nicht erwarten würde.Gott schläft im Stein, er atmet in der Pflanze, er träumt im Tier und erwacht im Menschen Indianischer Spruch Pflanzen und Tiere um die Josefskirche: Überlebenskünstler in der Stadt Zum Beispiel: Flechten Es kann gut sein, dass einzelne Lebewesen die Josefskirche schon seit der Entstehung begleiten: die Flechten auf dem Grundsockel oder in Mauervorsprüngen der Kirche. Sie werden Jahrzehnte, oft mehrere Jahrhunderte alt. Warum nehmen wir sie kaum wahr? Die Krustenflechten, zu denen die gesteinsbewohnenden Flechten gehören, sind ganz unscheinbar, oft grau, schwarz, allenfalls gelb-grün oder orange-braun. Sie wachsen unheimlich langsam. In unseren Regionen "schaffen" es Krustenflechten, ein, zwei Millimeter pro Jahr (!) zu wachsen. Und sie haben sich dort angesiedelt, wo man es kaum erwartet: auf dem nackten Stein. So wie sie sich auf Felsen, Gesteinsbrocken, Findlingen ausbreiten, so finden sie sich auf Grabsteinen, Granitsäulen und eben dem Sockel der Josefskirche. Die hier vor allem vorkommenden "Krustenflechten" haften mit der ganzen Unterseite auf dem Untergrund. Andere Flechtenarten, wie die Strauchflechten (zu denen auch die hängenden Bartflechten an Baumästen gezählt werden) und Blattflechten, die man vor allem auf Bäumen und Erde findet, heften sich mit Fäden am Untergrund fest. Insgesamt soll es etwa 16 000 verschiedene Arten der Flechten geben, und auch wenn man nur die häufigeren berücksichtigt, kommt man auf eine Zahl von 2000 in Europa. Die Vielzahl macht es außerordentlich schwierig, Flechten genau zu bestimmen. Meist braucht es dazu eine gründliche mikroskopische Untersuchung durch den Fachmann. Erst etwa hundert Jahre ist es her, dass man entdeckte, dass die Flechten nicht einfach niedere Pflanzen sind wie etwa auch die Moose. Flechten sind Lebensgemeinschaften aus Pilzen und Algen, die sehr eng miteinander verbunden sind (Symbiose). Wie in vielen anderen Lebensgemeinschaften besteht diese Verbindung aus Geben und Nehmen: Die Alge (meist Grünalgen, manchmal auch Blau-, Braun- oder Rotalgen) stellt dem Pilz Nährstoffe zur Verfügung (Kohlenhydrate), die sie durch Photosynthese mit Hilfe des Sonnenlichtes bildet. Der Pilz versorgt die Alge in manchen Fällen mit Mineralsalzen, seine Hauptaufgabe aber ist es, die Alge weitgehend vor Austrocknung zu schützen. Apropos Austrocknung: Flechten sind absolute Überlebenskünstler. An extremste Umweltbedingungen angepasst, kommen sie von der Antarktis bis zur Wüste vor. Wenn man ihr hohes pflanzengeschichtliches Alter betrachtet, sind sie sehr erfolgreich organisiert. Sie wachsen an allen möglichen, Wind, Wetter und starker Sonneneinstrahlung ausgesetzten Orten. Die verblüffende Eigenschaft, die den Flechten dabei hilft, ist, allein mit der Feuchtigkeit aus der Luft auszukommen. Das bringt sie in unseren Breiten jedoch auch in Gefahr: Wenn sie auch viel aushalten können, was Wetter, Trockenheit etc. betrifft, reagieren sie doch sehr empfindlich auf Luftveränderungen. Untersuchungen an Flechten können den Grad der Luftverschmutzung in gefährdeten Gebieten angeben. Die Ausrottung mancher Arten bewirkte der "Dreck" in der Luft. Die festgestellten Veränderungen helfen, sensibel für die Reinheit unseres allerwichtigsten "Lebensmittels" zu werden. Vielleicht gelingt es den Menschen, hier wieder ein Gleichgewicht herzustellen, um sich und den langsam gewachsenen Kunstwerken der Natur auch die nächsten Jahrhunderte zu ermöglichen. Klaus Hirn, Karl Prell, Christian Wolfram |
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